Kleine Formen


Kleine Formen können was. Oder weniger salopp, es ist erstaunlich mit wie viel Verve und Witz und wie subtil verbale und klangliche (hier: elektroakustische) Miniaturen Welt einfangen. Oder Welt entfalten. Ihre Kraft entwickeln kleine Formen in der Verdichtung und in der Reihung, auch im Dazwischen, in den Leerräumen. 

Miniaturen können Teile eines Archivs sein, das Spuren bahnt zu Themen, die erst durch die Fokussierung der scheinbaren Nebensächlichkeiten darstell- und erzählbar werden. Miniaturen können Augenblicke figurieren und vergegenwärtigen und Realität (Konventionen) dekonstruieren. Die städtische Miniatur kann, radikaler als der Roman, Metropolen als Raum-Zeit-Diskontinua darstellen: Stadtraum und Stadtzeit werden weder als Totalität noch als kohärentes Nacheinander begriffen, sondern als eine Sammlung getrennter Stücke, die Verbindungen eingehen könnten. Kleine Formen können aus Akten der Zertrümmerung und Zersplitterung größerer Sinneinheiten, die um- bzw. neu geordnet werden, hervorgehen; kleine Formen können Details fokussieren und zu komplexen Strukturen konstellieren. In jedem Fall bedürfen kleine Formen des Kontextes, erst gereiht, montiert bzw. konstelliert zeigen sie ihre Kontur, ihr Profil, indem sie in Beziehung gesetzt und kombiniert werden können, indem sie zum Oszillieren gebracht werden – und oszillieren – können. Leerstellen, Zwischenräume, Fugen spannen einen weiten konnotativen Rahmen, das Schweigen, die Stille müssen nicht herbeigeredet werden, das Schweigen, die Stille werden strukturell generiert. Der Rezipient, die Rezipientin können Fäden aufnehmen, weiterspinnen, ablegen, je nachdem: das Moment der Co-Autorschaft ist in kleinen Formen besonders ausgeprägt –  alles in allem eignet fractal patterns erklecklicher Möglichkeitssinn.
Und klar, enthalten sie nicht, sondern sind sie ein Statement im Spiel der Macht. Darauf verweisen eindrücklich Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihrer Studie „Kafka. Pour une littérature mineure“, in der sie das Konzept einer Kleinen Literatur entwickeln, die Fluchtlinien entwerfen und Zwischenräume schaffen kann und das Potential zum Anders-Werden hat. „Klein“ meint bei Deleuze/Guattari den Ort des Kleinen als angemessenen Ort literarischen Sprechens, als Ort derer, die eine Minderheit bilden und sich immer neu von der Mehrheit absetzen, die Normen zur Machterhaltung, zur Selbstkontrolle und Selbstbestätigung benötigt.
Barbi Markovic, Markus Köhle, Daniel Wisser und Christoph Dolgan falten unterschiedliche Möglichkeit der Miniatur aus. Barbi Markovic etwa schreibt Plätze ausgewählter Städte ab (Wien, Graz, Berlin, Belgrad, Sarajevo), indem sie alles notiert, was Schrift ist: Schilder, Werbung und Graffiti. Markus Köhle entwickelt von Kofferwörtern ausgehend Miniaturen als Kippbilder, die zwischen Heiterkeit und Abgründigkeit, zwischen Aphorismus und Witz changieren, Daniel Wisser übt in seinen Kurztexten den nicht normierten Blick, der Details schräg ins Licht rückt und mit Disproportionen spielt und Christoph Dolgan (als eingefleischter Deleuzeaner) generiert, von mots trouvés ausgehend, lakonische Kurztexte von hoher poetischer Dichte mit gesellschaftskritischem Anspruch.

                                              Birgit Pölzl


Schon in der Geschichte der Kunstmusik manifestierte sich die Tendenz, aus der Reihung des Partikulären die größere Perspektive gewinnen zu wollen: man denke etwa an die großen Zyklen von pianistischen Charakterstücken oder Kunstliedern des 19. Jahrhunderts. In der Frühzeit der musikalischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts wurde eine Zuspitzung dieser Gestaltungsmuster sowohl durch die Verbreiterung der klangsprachlichen Konventionen als auch durch das Ausreizen der faktischen Kürze erreicht, insbesondere in der zweiten Wiener Schule bei Anton von Webern. Die Idee, in kondensierten Strukturen mehr von der Welt einfangen und reflektieren zu können als in der ausufernden "Erzählung" (sei diese nun verbal oder klanglich verstanden) ist aber insbesondere auch den Möglichkeiten des elektronischen Mediums sehr nahe und hier ist, von der klassischen Avantgarde ererbt und durch das technische Potential multipliziert, die totale Offenheit des klanglichen Materials der entscheidende Punkt. In den Arbeiten der heute vorgestellten KomponistInnen zeigt sich diese in vier völlig verschiedenen Perspektiven, ein Bild der Breite heutiger Klangsprache und auch selbst gleichsam ein Spiegel der thematisierten Formen: Katharina Klement machte 2014 bei einem Gastaufenthalt in Belgrad eine Reihe von field recordings, die als Ausgangspunkt der Reihe peripheries dienen, für sich selbst stehende elektroakustische Werke, aber zugleich auch atmosphärisches Stadtbild. Für Caroline Profanter ist sowohl die gesprochene als auch die bereits vermittelte – radiophone – Sprache ein wesentlicher Bezugsrahmen. Oliver Weber arbeitet an Zyklen von elektronischen Miniaturen, in denen er zum Teil auch auf seine instrumentalen Ensemblestücke zurückgreift. Marko Ciciliani schließlich verweist in seinem Zyklus Pop Wall Alphabet auf dasjenige Klangmaterial, das wesentliche akustische Bedingungen unserer heutigen Umwelt definiert.
                                        

Daniel Mayer

 

 

Barbi Markovic, Daniel Wisser, Markus Köhle, Christoph Dolgan – Text, Lesung, Vortrag
Katharina Klement, Caroline Profanter, Marko Ciciliani, Oliver Weber  – Komposition, Klangregie
Davide Gagliardi – Technik, Klangregie

 

Eine Veranstaltung der Sparten Literatur und Neue Musik des Kulturzentrums bei den Minoriten

 

Freitag 28. Oktober 2016, 19.00 h, ImCubus
Mariahilferplatz 3 / I, 8020 Graz

 

Eintritt: €  10.- / 5.-

 

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